Wacken Open Air 2015

Irgendwie ist es beim Schreiben vom Wacken Review so wie der tägliche Weg zur Arbeit. Wenn man’s so oft getan hat, dass man schon gar nix mehr registriert und die Tage bzw. die Jahre durcheinander bringt. Letztes Jahr gab’s das letzte Mal größere Veränderungen und auch über die Dimension und Zahlen wurde schon mehr als genug geschrieben.

Reden wir doch mal über’s Wetter: 2014 war ja Saharawetter angesagt (mein liebstes Festivalwetter!) und auch 2015 wird in Sachen Wetter für einige in Erinnerung bleiben. Dass der Sommer in Norddeutschland zuletzt innerhalb einer Woche von 12 - 38 Grad alles in seiner Wundertüte hatte, daran müssen wir uns wohl gewöhnen. Der 1. August ist ja statistisch der wärmste Tag des Jahres hier oben. Bringt nur nix, wenn eine Woche vorher die Welt untergeht und der Monsun einen Ausflug in die Schleswig-Holsteinische Botanik macht. So kam es dann, wie es kommen musste. So’n Acker ist ja bekanntlich nicht in Beton gegossen und wenn die Horden über das durchnässte Grün walzen, wird aus jenem Grün eher eine braun-schwarze Pampe, die sich Leute anderswo bei der Wellness für 200 Euro ins Gesicht klatschen. Natürlich mit weniger Kuhdung-Anteil. In nackten Zahlen: Im Horrorjahr 2007 waren’s 135 l/m², 2015 dann 145 l/m² Wasser in jeweils 5 Tagen – das entspricht in etwa einer gefüllten Badewanne. Pro Quadratmeter wohlgemerkt.

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So waren dann ganz schnell diverse Campingflächen nicht mehr befahrbar und man musste 10 Hektar weitere Flächen anmieten. Nachdem das Gelände daraufhin komplett gesperrt wurde, wurden rund 1.000 Parkplätze in einem Itzehoer Parkhaus angemietet, welche mit weiteren 10 Shuttlebussen bedient wurden. Nach dem Festival kamen dann noch weitere 45 Trecker hinzu, um alles aus dem Wackener Watt zu holen. Und zwar kostenlos. Sonst wäre für einige sicher Camping bis zum nächsten Wacken dran gewesen. Naja, ganze Wohnzimmer und Küchen stehen ja mittlerweile ohnehin an allen Ecken vom Campground.
In all diesem Chaos haben Anwohner aus ganz Steinburg Gästen Schlafmöglichkeiten angeboten. Sehr coole Sache. Da die Feuerwehr in diesem riesigen Sumpf nicht viel zu tun hatte, sprang man an vielen anderen Stellen in die Bresche und half aus. Einzig die nervige Boulevardpresse bzw. die Teams vom Sensationsfernsehen mit ihren völlig überfordert ins Mikro quakenden Moderatoren samt angeekeltem Gefolge konnten einem auf den Sender gehen. Immer auf der Suche nach der tiefsten Pfütze wollte man das alles wie Krieg aussehen lassen, hat nur die schlimmsten Ecken gesucht und Leute motiviert, bitte mal für die Kamera ’nen Flachköpper in die Tunke zu machen. Sagen wir mal so: Ja, es war schlimm. Sehr viel Schlamm, teils auch schön tief, überall und sehr nervig. Aber ich hab schon Schlimmeres erlebt. Und Spaß gemacht hat es dennoch!

Nachdem letztes Jahr schon alles sehr friedlich war, sind neben weniger Straftaten auch Zeltdiebstähle deutlich zurückgegangen. Klar, Diebe brauchten dieses Jahr ein Kanu und das Wetter tat ein Übriges, aber dennoch eine tolle Entwicklung. Neben 50 Noteinsätzen Richtung Klinik waren bei den 1.600 „normalen“ Verletzungsfällen der ca. 700 Sanitäter und Notärzte vorwiegend Unterkühlung(!!) und Schnittwunden (tagelang barfuß im Schlamm rumlaufen: keine gute Idee!) angesagt. Das Fazit des Sanitäts-Chefs: „Ein Festival, das die Zahlen hinterherlaufen lässt“. Eine Zahl beeindruckt nach all dem Zahlengejodel aber doch: 3.000 Tonnen Holz-Hackschnitzel wurden auf dem Gelände verteilt. Das entspricht etwa 600-1.500 Elefanten. Oder 15 Blauwalen. Mal abgesehen davon, dass Blauwale sich bei den Verhältnissen wohl pudelwohl gefühlt hätten, muss man vor allem mal überlegen, wie leicht dieser Hackschnitt dabei ist.

Aber genug von all diesem statistischen Gelöt. Außerdem hatte der Dauerregen am Freitag ein Einsehen oder eher Mitleid und verzog sich. Mit einer ordentlichen Portion Wind und reichlich Sonne entstanden dann immer mehr trockene Trampelpfade und man konnte sich wieder unfallfrei bewegen. Wenngleich es beim Wacken ja bei dieser Seitenstrecke witzlos ist, auf das gesamte Programm einzugehen, treten Jahr für Jahr neben all dem „Zirkus“ immer einige Hochkaräter auf den 5 großen Bühnen auf. So konnte man sich in das Zelt quälen und Uli Jon Roth, New Model Army, Europe, Suicide Silence, Obituary, zahlreiche andere Combos sowie all die Metal Battle Bands um die Ohren hauen oder sich Richtung Infield durch die Schlammhölle kämpfen und zu den 3 Hauptbühnen waten. Vor der Partystage gab’s einen schicken braunen See mit Bademöglichkeit welche bei Biohazard und Skindred dankbar angenommen wurde. Falls die dreckige Badebüchs im gefluteten Zelt vergessen wurde, konnte man sich hier sonst auch bei Santiano, Cannibal Corpse, Within Temptation, Oompf! oder Annihilator vergnügen.

Auf der Black Stage lärmten im Wechsel ohne ins Detail zu gehen u. a. Sabaton, Rock meets Classic, Cradle of Filth, Sepultura, At the Gates, Opeth, Running Wild oder Black Label Society. Direkt daneben die True Metal Stage mit Rob Zombie, Subway to Sally, Queensryche, Dream Theater, Bloodbath, Powerwolf, In Flames, Judas Priest oder die zu Recht viel diskutierten The Bosshoss. Nicht selten hörte man einige böse Worte über eben jene oder Santiano auf den Hauptbühnen. Auf der anderen Seite ist es leider auch immer randvoll bei diesen Acts. Dennoch schon interessant, dass früher reichlich Blackmetal Bands zu diesen Zeiten geknüppelt haben, während heute stattdessen Ballermannesker Lärm zu später Stunde auftaucht. Immerhin, und das ist die gute Nachricht, ist der Anteil an Festivaltouristen und Ballermann Publikum deutlich zurückgegangen und man kann wieder von einem tollen Metal Festival sprechen.

DAS Highlight für viele trotz Regens war aber wohl die Wahnsinnsshow von Savatage und Trans-Siberian Orchestra, welche parallel auf beiden(!!!) Hauptbühnen gespielt haben, unterstützt von der kompletten Packung mit Lasershow, Pyro und amtlicher Lightshow. Ganz, ganz großes Kino, welches hoffentlich so bald auf Blu-ray erscheint.

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2016 ist natürlich längst ausverkauft, die ersten, noch unspektakulären Bands stehen fest und auf den Metal-Days Hamburg im September gibt’s Nachschub. Bleibt zu hoffen, dass die Kühe in den nächsten Monaten beim Grasen nicht auf zu viele verschollene Handys, Euro Münzen, versunkene Kühlschränke oder vermisste Gäste stoßen… Nächstes Mal dann bitte kein Rain sondern Shine…    Fotos: Kai Swillus, ICS GmbH

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