September 2016

Immer wenn ich aus dem Urlaub wieder zurück in die Firma eintauche, kommt im August die selbe Frage: „Wie war Wacken?“. Die Antwort ist unweigerlich irgendwie immer: „Gut! War geil!“. „Hab ich im Fernsehen gesehen.“ kommt dann meist zurück.

Und „Ist ja jedes Jahr alles so mit Schlamm, nä? Das wär ja nix für mich!“ kommt dann natürlich auch. Allerdings war es in den letzten 10 Jahren nur 3 mal so schlimm. Blöderweise darunter auch die letzten beiden Jahre, was subjektiv immer schnell zu einem „das ist ja immer so“ verleitet. Und auch wenn bei meinen mittlerweile 22 Ausgaben schon so ein bisschen „Und täglich grüßt das Murmeltier“ durchkommt, gibt’s jedes Jahr die eine oder andere Überraschung. 

Weniger (vielmehr kaum noch) Ballermann und mehr Metal. Die Püppies der einschlägigen Sender, welche uns letztes Jahr noch mit Iiiiihh’s und Ääääh’s bei jedem Schritt zwischen ihren nervtötenden Sensations-Interviews genervt haben, haben sich anscheinend auch verpieselt und der viel kritisierte Wacken Tourismus scheint so gut wie Geschichte zu sein. Überhaupt geht mir das WOA-Bashing auf den Sender, da es überwiegend von Leuten kommt, die lange nicht mehr da waren und selber entscheiden wollen, was oder wer Metal ist oder nicht. Und ehrlich gesagt ist es wenn überhaupt nicht Metal, sich solch eine Entscheidung anmaßen zu wollen. Mal davon ab, dass dieses Thema einen Bart bis zum Pluto hat.

30 Euro Preiserhöhung hat man für 2017 auch zu verdauen, die aber nun die frühe Anreise ab Montag inkludiert (vorher auch 30,-) und zusätzlich nun auch das vorher kostenpflichtige Duschen und die Spültoiletten beinhaltet. Aber auch auf dem Gelände tut sich was. Der Biergarten wurde versetzt und trägt endlich (!!!) keine Bayern Beflaggung mehr, sondern wie es sich gehört die Fahnen Schleswig Holsteins. Die tollste Verbesserung seit Jahren! Der Black Metal wandert nach und nach auf die Zeltbühnen und auf den Hauptbühnen war vorwiegend die alte Schule am Start.

Im Vorfeld noch skeptisch haben sich aber vor allem Bands wie Twisted Sister und Foreigner extrem gut präsentiert. Beide bereits beim Graspop bärenstark, haben erstere einen Gig für die Wacken Geschichtsbücher abgeliefert. Wenn Twisted Sister nach 40 Jahren nun nach ausgewählten Shows auf dem Höhepunkt ihrer Karriere die Biege machen, sind die Scorpions wahrscheinlich noch weitere 35 auf Abschiedstour. Whitesnake gut, aber nicht so klasse wie erhofft. Iron Maiden hingegen haben den Vogel abgeschossen. Nach überragenden Gigs beim Graspop und in Berlin sollte die letzte Show der Welttournee ein reiner Triumphzug werden. Auch wenn Bruce Dickinson’s Stimme etwas angeschlagen wirkte, war der dritte (und weltweit übertragene) Gig der Jungfrauen in Wacken auch eindeutig der stärkste, bevor es am Donnerstag mit „Born to lose, lived to win“ noch eine beeindruckende große emotionale Hommage an Motörhead und den verstorbenen Lemmy zum Abschluss gab, die 2016 eigentlich hätten spielen sollen.

Richtig harten Stoff gab es auf den beiden Hauptbühnen dieses Jahr nur spärlich. Triptykon, Entombed A.D., The Haunted, Legion of the Damned oder Borknagar waren da schon fast die Ausnahme. Dafür gab es eine (etwas zu) perfekte Bombastshow von Arch Enemy, welche für einen Bluray Release aufgenommen wurde, gefeierte Gigs von Metal Church, Symphony X, Loudness, Saxon, Bullet for my Valentine, Tarja, Therion oder Eluveitie. Meine Highlights waren da jedoch Testament mit einem knüppelharten und endlich mal wieder richtig gut gezockten Gig, Ministry, die einem gerne zeigen, was für Idioten heutzutage in der Politik rumgeistern und Blind Guardian, die dieses Mal ohne viel Tamtam, Pyro, Rums und Bums ein Best of abfeuerten, bei dem wieder 50.000 Leute den Bard’s Song anstimmen. Jedes Mal garantierte Gänsehaut.

Viel Haut gab’s dann am Samstag auch wieder bei Steel Panther, bei denen wie immer einige Mädels blank zogen, während die Band sich auf allerhöchstem Niveau völlig überzogen vor dem Glam- und Hair-Metal der 80er verneigt. Jedes Mal großartig! Den Vogel schoss dabei aber eine lütte 16-jährige mit Zahnspange ab, welche auf die Bühne durfte, jeden der Band knuddelte und knutschte, und alle, wirklich alle Songs Wort für Wort auswendig kannte und mitsang. Als Dank gab’s von jedem Mitglied ein bestimmt gar nicht übel versautes kurzes Ständchen vorgesungen. Hut ab vor dem Mädel!

Der Weg zur Party Stage rüber hingegen gab eher Matsch auf der Haut, da sich hier wie jedes Mal bei Monsunregen an denselben Stellen braune Tümpel bilden. So musste man sich zu Equilibrium, Torfrock, Kai Hansen, Devildriver, Clutch oder Callejon erstmal durch die braune Plürre kämpfen – wenn man denn wollte. Zum Totalabriss von Parkway Drive war das allerdings dann auch ziemlich allen egal, wenngleich die auch auf einer der großen Bühnen hätten spielen können. Dort gab es zum Abschluss des Festivals dann was ganz Schickes aber auch viel Diskutiertes: Die Dio Disciples, alte Weggefährten vom verstobenen Ronnie James Dio, spielten bekannte Songs vom Meister, der beim abschließenden Song „We Rock“ selber als Hologramm einen Auftritt hatte. Starker Abschluss des Festivals!

Aber auch unter den 88 (!!!) Bands auf den Zeltbühnen gab’s viel Sehenswertes, auch wenn man nicht viel geschafft hat: Blue Oyster Cult, Phil Campbell, Marduk, Vader, Ektomorf, Alcest, Isahn, Dritte Wahl, Orphaned Land, Caliban, Monuments, 1349 und The Black Dahlia Murder sorgten so für ein volles Haus, aus dem der Wrestling Ring in ein eigenes Zelt ausgezogen ist und zudem vor den beiden Bühnen nun im gesamten Bereich Bodenplatten gelegt wurden, die sumpfartige Zustände vermeiden.

Wenn man nun endlich auch mal an allen Achillesfersen – sprich stark frequentierten Übergängen und vor den Bühnen – mal ordentlich Holzküddel auslegen würde, wäre das allerdings schon mal eine Maßnahme. Denn diese Matschduschen waren sicherlich nun ein paar mal ganz witzig, aber nun nervt’s. Geklaut wurde zum Glück auch weniger, nicht zuletzt weil die Polizei bereits im Vorfeld eine Bande aus Rumänien geschnappt hat. Nu wäre es nur noch schön, wenn die Sonne nächstes Jahr mal wieder die Keule rausholt, man sitzen kann und wieder trockenen Fußes ohne 27kg Jauche und Schlamm an den Stiefeln vorankommt, ohne beim frontalen Niederfallen gleich den Schlammtod zu erleiden. Bei den Kühen bimmelt und brummt es sicher jetzt überall im Bauch, weil die Besitzer ihre im Schlamm versunkenen Telefone anrufen, welche längst beim Grasen in der Milchkuh gelandet sind. Bleibt zu hoffen, dass nicht auch noch zwei Millionen Heringe im Schlamm stecken, denn sonst bäumen sich noch diverse Rinder am Ende zu einem Indianer-Tipi auf, aber ehrlich gesagt würde ich nicht mal mehr Krokodile auf dem Campground leben lassen…

FOTOS : KAI SWILLUS

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