Irgendwann in vielen Jahren...

Irgendwann in vielen Jahren direkt vor den Toren Kiels: Eine 5-köpfige Familie aus Hamburg rennt über den Sand. Der Boden ist überall staubtrocken und die Ernte bringt schon lange nichts mehr, denn es ist seit 2 Jahren täglich oft 40 Grad heiß. Die Familie flieht vor einem sich entfachendem Bürgerkrieg und der sich bildenden Diktatur. Und vor dem Hunger. Die Nachbarn wollten bleiben und ihr Haus an der ehemals so teuren Elbchaussee nicht aufgeben. Aber wofür? Die Elbe führt kaum noch Wasser und das ist auch noch giftig. Der auf der anderen Seite liegende Containerterminal liegt in einem bedrohlichen, aber irgendwie friedlichen orange-gelben Licht. Die auf Grund liegenden Schiffe sorgen allerdings für ein morbides Panorama der Stadt, aus der ununterbrochen Sirenen, Schreie und Schüsse zu hören sind. Und die Nachbarn? Es heißt, sie seien erschossen worden. Für Wasser munkelt man. Überhaupt, alle Freunde sind verschwunden. Viele haben sich irgendwohin aufgemacht, einige wurden entführt und angeblich sogar vergewaltigt. Auch Glückstadt wurde von einer Armeeeinheit überfallen, alle Kinder sind verschwunden und die Männer wurden hingerichtet. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Weg. Weit weg. Denn das Chaos ist schon vor den Toren der Stadt gewesen.
In Skandinavien soll es sicher sein und es gibt noch Wohlstand. Einige haben sich angeschlossen: Viele kommen aus Süddeutschland, wo die Hitze am meisten wütet, darunter zwei aus gutem Hause in München wie sie erzählen. 3 Wochen hat ihre Odyssee durch das Land und die vielen Verstecke ohne Nahrung oder Wasser gedauert und sie haben viele Freunde verloren und viel bezahlt um zu überleben. Es gibt keine Arbeit mehr und das Geld ist kaum noch etwas wert. Wer dennoch viel davon hat und die nötigen Beziehungen dazu, hortet alles, was andere zurücklassen oder stiehlt es ihnen.
Überhaupt kann man niemandem mehr trauen. Die Polizei ist korrupt, die Krankenhäuser unterversorgt und überfüllt. Die Bundeswehr wurde von Rebellen übernommen, die zudem eine abstruse Religion verfolgen, der man sich besser anschließen sollte, wenn man überleben will. An der Küste der Ostsee angekommen und mit all dem Chaos hinter sich peitschen Schüsse über die Köpfe hinweg, die von strengen Grenzkontrollen abgegeben werden. Ein paar Meter weiter liegen Menschen vor dem 3 Meter hohen Zaun – sie haben es nicht geschafft. Das riesige Hindernis hinter sich gelassen, rennen alle zu den beiden Booten, welche in der Dunkelheit auf sie warten. Geführt von mehreren ominösen Gestalten, die vorher das letzte Geld der Passagiere kassiert haben. Ein kleines Vermögen war es bei jedem und nur die Mittel- und Oberschicht kann diesen Weg gehen. Für alle anderen ohne Mittel oder Macht gibt es kaum noch Hoffnung. Nur Krankheit, Verhungern, Verdursten oder den nächsten Überfall nicht überleben.
Die Gruppe von knapp 1000 Menschen rennt auf die beiden viel zu kleinen Boote zu und versucht übereinander kletternd hineinzukommen während viele in das Wasser fallen und zurückbleiben, während die rostigen Seelenverkäufer sich ihren Weg durch die Brandung wühlen. Die Familie hat sich verloren, Vater und Sohn scheinen auf dem anderen Boot zu sein. Bei der Überfahrt dann wird es stürmisch und viele werden Seekrank. Es gibt wieder nichts zu essen oder zu trinken, keine Toiletten und das Boot ist ständig kurz vor dem Kentern, weil der alte Motor kaum gegen die hohen Wellen ankommt. Nach der großen Hitze folgt nachts nun die Kälte und alle auf dem Boot sind komplett durchnässt.
Am nächsten Morgen ist die Küste Skandinaviens in Sicht. Einige haben die Nacht nicht überlebt und werden von Bord geworfen. Es kam nachts auch zu Gewalt an Deck, die einige mit ihrem Leben bezahlen mussten. Wenige Kilometer vor der Küste fährt der alte Kahn an dem anderen Boot vorbei. Es ist gekentert und fast alle sind ertrunken oder erfroren. Die skandinavische Küstenpatroullie hat einige wenige Überlebende an Bord geholt und geleitet das gerade noch intakte Boot mit den 3 Verbliebenen unserer Familie an Land in ein Flüchtlingslager. Doch an den Toren demonstrieren hunderte, dass die Flüchtlinge gefälligst wieder zurück nach Hause sollen…

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