Fußball WM und so...

Wenn vor der eigenen Haustür nix los ist und es ist mal wieder Fußball-Weltmeisterschaft, kratzt eigentlich fast jedes Gespräch irgendwann am Sport mit der „Pille“. Jeder ist plötzlich Fachmann und jeder hätte die soeben vergeigte Chance stattdessen natürlich reingemacht. Die Wettbüros laufen heiß, die Köpfe der unzähligen Tippgemeinschaften brüten über den anstehenden Partien und doch wird alles anders als man denkt.
In Brasilien gibt es ein wahres Favoritensterben und gerade die Südamerikanischen Mannschaften zeigen den Europäern, wie motiviert selbst die Underdogs sind und ballern die eine oder andere große Fußballnation aus dem Wettbewerb. Auf andere hingegen ist aber auf jeden Fall Verlass: Die Fußballhasser. Gar nicht oft genug können sie überall im Gespräch und vor allem auf sozialen Netzwerken kundtun, was nicht alles spannender ist als ein Fußballspiel zu sehen. Man könnte meinen, sie sitzen ausgegrenzt und ganz zwischen Spinnweben auf dem Stuhl und schauen verbittert Wiederholungen von „Unsere kleine Farm“. Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht, aber lustig ist es dennoch wie verlässlich sie auf den Plan treten. Die Diskussion ist dann auch ähnlich wie Raucher gegen Nichtraucher oder Auto- gegen Fahrradfahrer: Sinnlos und sich im Kreis drehend. Helfen würde wohl nur gegenseitiges Verständnis und Toleranz, aber dann würde das Diskutieren ja nur halb so viel Spaß machen. Fakt ist aber, es macht dem Großteil der Welt einfach Spaß und für einige Wochen gibt es ein kleines „Wir“-Gefühl, was sonst gern mal unter den Tisch fällt und das „Ich“ im Vordergrund steht.
Eine Sache kann man allerdings durchaus kritisch beäugen: Die Situation in vielen gastgebenden Ländern. Ob Südafrika oder Brasilien – eine WM bringt Geld, Pomp und Aufmerksamkeit ins Land. Aufmerksamkeit vor allem für die Ärmsten der Armen, die nicht nur unten in der Gesellschaft sind, sondern noch darunter. Weil Regierungen eben jene am liebsten für 6 Wochen verschwinden lassen würden und lieber nur Bilder von sonnigen Stränden, atemberaubenden Landschaften, einem glücklichen, feiernden und wohlhabenden Volk vor immer sicheren Kulisse zeigen möchte. So ist es aber nun mal nicht. Gewalt, Prostitution, Drogenkriminalität aber auch ein wenig Hoffnung gehören dazu. Denn die Bürger, die täglich ums Überleben kämpfen, hassen nicht den Fußball. Sie lieben ihn. Und er bringt wie gesagt auch internationale Aufmerksamkeit und ein positives Gefühl in das Land. Man wettert eher gegen die FIFA und die Regierung, die unzählige Gelder in Stadien anstatt in Bildungssysteme oder Infrastruktur außerhalb vom Fußball pumpen. Stadien die wohl zum Teil in naher Zukunft eher für Endzeitfilme wie „I am Legend 2“ genutzt werden können, weil dort nie wieder gespielt wird und alles mit Grünzeugs dicht wuchert.
Letzteres passiert wohl auch im Bundestag, wenn die Abgeordneten ebenso vor der Glotze hängen anstatt im Bundestag drögen Kram zu tun. Da kann es auch schon mal passieren, dass bei einer Abstimmung nur 30 statt 620 Leutchen sitzen und auf einmal ganz ungeahnte Stimmgewalt haben. So geschehen bei der EM 2012 mit dem umstrittenen Meldegesetz, was vom Bund später kassiert wurde, weil das Land Sturm lief. In der Vergangenheit hat man uns in Berlin dennoch öfter heimlich ein Ei in die überbordende nationale WM/EM Euphorie gelegt. Da fällt’s ja nicht so auf. Sei es die höchste Mehrwertsteuererhöhung der Bundesgeschichte während der WM 2006 oder eine saftige Erhöhung der Krankenkassenbeiträge im Laufe der WM 2010. Kleinigkeiten wie die Rentenstabilisierung, die deutsche ISAF Beteiligung in Afghanistan oder Laufzeiten der Atomkraftwerke standen da übrigens auch auf dem Plan. Merkt nur keiner, denn auch die Presse ist ja in Fusilaune und abgelenkt. Mal schaun, was dieses Jahr so kommt. Aber wie auch immer, machen wir uns erstmal ein Kaltgetränk auf und glotzen weiter WM. Tolerieren Flaggengewedel, Autokorsos und „Schland“-Gegröle. Leben und leben lassen. Dat hilft.

Foto: Timo Klostermeier_pixelio.de

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