August 2016

Während die Welt gerade völligen politischen Blödsinn verzapft und jeder mit Verstand schief in so einige Länder schaut, sind wir gerade froh, bei Festivals den Kopf auszuschalten und Terror und Idioten hinter uns zu lassen zu können. Also auf zum Graspop!
Am Einlass zum Infield stehen zwar Körperscanner und die Kontrollen sind streng, aber alles geht schnell, ist absolut nachvollziehbar und kein Problem für die Massen, die ganz nach dem Motto Jetzt erst recht! zum Festival nach Belgien strömen. Und nicht nur das. Das Graspop ist nämlich endgültig volljährig! Stolze 21 Jahre ist das Rock- und Metalfest dieses Jahr geworden und ich kann mich noch gut an die erste Ausgabe 1996 erinnern, die parallel zum legendären Dynamo Open Air aus dem Boden gestampft wurde. Schon damals immer mit beeindruckenden Bands an Bord.Das hat sich zum Glück bis heute nicht geändert und man kann dort einen großen Haufen an im Juni/Juli tourender Bands abhaken, die vor August und dem Wacken Open Air wieder die Biege gemacht haben. Allerdings ist 2016  dsas Wetter bekanntlich ein ziemliches A-Loch und so mussten z.B. das Hurricane, Southside oder Rock am Ring einzelne Tage oder fast das ganze Wochenende absagen, nachdem man immer damit rechnen musste, das gleich die Arche Noah um die Ecke biegt oder man in seinem Zelt schlafend irgendwo im Atlantik auf einem Walrücken durch die Gegend plätschert, wenn man nicht von einem der zahlreichen Blitze niedergestreckt wird. Hatten wir in der Vergangenheit alles schon, aber dieses Jahr gingen die Wetterverantwortlichen vielleicht etwas weit. Und obwohl über dem Graspop der eine oder andere fiese Schauer nieder ging und vor allem auf dem Zeltplatz kleine Seen und reichlich Matschgelöt zu finden waren, kam man im Belgischen Dessel verglichen mit anderen Festivals sehr gut davon, was aber auch an der nie endenden guten Stimmung der insgesamt 155.000 Gäste an 3 Tagen und den überwiegend fantastischen 106 Bands lag.

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Alleine die 3 Headliner zogen bei eigenen Shows auch abseits des Festivals viele zehntausend Leute an und somit war klar, dass das Line-up dieses Jahr halb Europa anlocken würde. Am Freitag waren die mächtigen Black Sabbath zu Gast. Und hat man bei Ozzy Osbourne in der Vergangenheit immer etwas um seine Verfassung gezittert, war der Bengel wie Tage zuvor in Berlin in Top Form. Mehr noch. Die Band lieferte ein überragendes 70er-Jahre Düster-Set im Schein des Mondes ab und man kann nicht oft betonen, welch ein Loch das im Januar kommende Ende der Band nach 49 Jahren (!) reißen wird.
Samstag nahmen dann die Dänen von Volbeat die Headliner-Position ein. Vor Jahren noch auf kleinen Bühnen unterwegs, stehen nun nur noch die größten Bühnen als Headliner mit riesiger Produktion auf der Agenda. Das Wetter spielte nicht mit, aber die Leute feierten den (etwas zu routinierten) Elvis-Cash-Metallica Party-Metal als gäbe es kein Morgen. Wir sind davon ein wenig satt, tut aber auch nicht weh.
Der Sonntag mit Sommerwetter hatte dann Iron Maiden als Zugpferd… und ging als best besuchter Graspop Tag aller Zeiten in die Geschichtsbücher ein. Die Leute standen bis zum Horizont und sahen eine Weltklasse Performance der Briten. Auch hier waren wir kurz zuvor in Berlin, wo die Eisernen Jungfrauen so krass abgeliefert haben, dass der gesamte Bandnachwuchs zum Schämen in den Keller muss. Die Show mit all ihren Special Effects ein Augenschmaus und ganz großes Kino, toller Sound und eine bärenstarke Setlist, präsentiert von Musikern, die fast alle 60 und dabei so fit wie 20 jährige sind. Wer soll bloß in all diese Fußstapfen treten?
Aber auch neben den drei Zugpferden gab es Masse mit Klasse auf den Hauptbühnen: Megadeth sind ebenfalls in Topform, Slayer solide aber gut, Testament, Overkill und Anthrax komplettierten das kultige Thrash Paket vom Feinsten. Die mitreißenden Rockshows von Foreigner und Twisted Sister waren für mich die größte Überraschung und somit Pflicht für’s Wacken! King Diamond und sein riesiges Puppentheater absolut überzeugend, viel Pomp und Show bei Nightwish, Bullet for my Valentine und Trivium solide aber zu einstudiert, Amon Amarth, Saxon und Powerwolf gefühlt irgendwie jedes Jahr dabei, Disturbed zum einen wie meist distanziert aber doch gefeiert, der übliche Abriss bei Heaven Shall Burn und an den Okkult Metallern von Ghost kommt man einfach nicht mehr vorbei. Hits, Hits, Hits und wahrlich majestätisch göttliches Auftreten mit schwarzem Humor im Gepäck. Garniert mit den Dropkick Murphys, Soilwork, Killswitch Engage (auch nur Hits!), Bad Religion oder den Winery Dogs gab’s an den beiden großen Bühnen das volle Paket.
Im Marquee, der großen Zeltbühne, wurde es düster bei Dark Funeral, Moonspell, Enthroned, Behemoth (mächtig!) und Satyricon. Starke Shows von u.a. Obituary, Paradise Lost, Sacred Reich, Apocalyptica und der über alles erhabenen Show von Gojira gab’s als Sahnehäubchen. Highlights der kleinen Bühnen, dem Metal Dome sowie der Jupiler Stage gab’s auch reichlich: Skindred, Rival Sons, Kadavar, Tesseract, Grand Magus oder Loudness waren alle die Reise wert. Den Vogel schoss dann aber der ehemalige Ozzy Haus- und Hofgitarrist Zakk Wylde ab und spielte eine megatolle Wohlfühlshow mit seinem Book of Souls Soloprogramm.

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Klar, das Ganze ist nicht ganz billig (Tickets knapp 200 Euro) und ein ordentlicher Durst nebst Hungerattacke kann auf dem Gelände ein großes Loch in die Börse fressen, aber das Graspop ist einfach die Oberklasse. Krasser ist nur noch das Hellfest, für das man sich aber noch weitere 800km gen Westen bewegen muss. Der Genuss von einigen Hektolitern Jupiler Bier sorgt nach einigen Tagen für einen bärigen Pelz auf der Zunge und das riesige Essensangebot erfordert Indiana Jones-artige Erkundungen, aber am Ende hat man auf dem großen, aber übersichtlichen und super geplanten Gelände den Dreh raus. Lediglich der Campingplatz an sich (nicht die sanitären Verhältnisse) ist eine Katastrophe, wo alle Zelte Kante an Kante zusammengepfercht werden, sodass Wege abseits der Hauptgänge absolut unmöglich sind und unterm Pavillon schnell mal morgens ein fremdes Zelt steht und Grillen schnell einen Hektar Zelte wegbrutzeln kann.
Sieht man also vom viel zu kleinen Zeltplatz ab (man munkelt aber schon von einer erneuten Geländeverlegung), ist das Graspop ein top organisiertes, tolles Festival mit immer fantastischen Line-Ups. Wir werden also nächstes Jahr sicher wieder die Reise in die Belgische Provinz antreten!

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